Kleiner historischer Stadtführer - 9. Station


- Blick vom Schäferberg zum Wehr 1936.
Mit dem Wehr entstand 1831 auch die Floßarche (lateinisch „arca" = deutsch „Arche" = „Wanne"). Die Flößerei war ein wichtiger Berufsstand in Lychen. Bereits 1720 fand der erste Holzverkauf im großen Stil aus den Boitzenburger Wäldern statt. Dazu musste der Kaufmann Bars aus Havelberg 5 Schleusen im Küstrinchener Bach anlegen (8 m Gefälle auf 2 km Bachlauf mit flachem Wasserstand).
Aber schon 1570 ist die Flößerei belegt (Schuldschein eines Lychner Flößers über 1000 Mark bei Hamburger Kaufleuten).
Dass in Lychen Fischerei und Angeln groß geschrieben werden, braucht wohl nicht betont werden. Die Uckermark Fisch GmbH Lychen erfüllt alle ihre Wünsche bezüglich Süßwasserfische.
Besondere Hinweise:
- „Maräne" - schmackhafte Fischart, die nur in klaren, tiefen Seen vorkommt (Zens/Wurl).
- „Wels" - seltene Fischart: bis 2,5 m, 100 kg, 80 Jahre alt, keine Schuppen, Bartfäden, 21,5 Grad Wasserlaichtemperatur, 100.000 Eier, Laichnest aus Pflanzen, Männchen bewacht das Nest.
Am 22.2.2000 wurden beim Eisfischen mit einem Zug im Kastavensee zwischen Silberkarpfen 46 Welse (kleine Welse unter 8 kg nicht mitgezählt) gefangen, größter Wels - 43 kg / 184 cm.
Begriffe aus der Flößerei:
| Tafel | Ca. 18 bis 20 m lang, 3 bis 5 m breit (entsprechend Schleusenbreite), ca. 50 Raummeter Holz, 6 bis 10 Tafeln für einen Verband, der bis 200 m lang war und 500 Raummeter Holz hatte. Diesen Verband dann durch die Woblitz mit 4 Flößern bringen! Tafel = uckermärkisch „Pläätz“ (Touristenfloß mit 12,5 m Länge und 3,5 m Breite für 30 Personen heißt heute „Pläätz“!) Seit 1997 gibt es jährlich im August in Lychen ein Flößerfest. |
| Ablage | Sammelstelle für Baumstämme zum Flößen an Gewässern |
| Floßregimenter | (letzter bis 1965 Arthur Reinke) |
| Klampen | Querbalken |
| Stropp | Draht/Weidenschlinge |
| Flößerstiefel, Staken, Kanthaken |
Tagesverdienst Flößer 1925 = 5,50 Mark (Waldarbeiter 3,50 Mark) Fahrtdauer: bis Spandau 6 Tage (letzte Fahrt 1975), Hamburg 10 bis 12 Tage. Ab Himmelpforter Schleuse (bis dahin 8,3 km) konnten Schlepper eingesetzt werden.
Am Zens in Hohenlychen (hinter der Knippschere) befinden sich die Gebäude der Heilanstalten Hohenlychen.
1895 gründet das DRK ein Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose und bildet den Heilstättenverein, deren Generalsekretär Prof. Gotthold Pannwitz (geb. 16.5.1861, gest. 28.11.1926) wird. Sein Vater war in Lychen Lehrer und Pannwitz selbst kam auch vor der Zeit der Heilstätten gern nach Lychen zur Sommerfrische.
Heilstätten des DRK:
- 1896 Grabowsee für Männer
- 1897 Beelitz für Frauen,
- 1902 Hohenlychen für Kinder und Frauen.

- Luftkurort Hohenlychen, Sportsanatorium
Hohenlychen wird von 1902 bis 1912 fast vollständig aufgebaut. Unter wissenschaftlicher Begleitung von Prof. Bier und Kirsch von der Universitätsklinik Berlin wird es zur führenden Behandlungsstelle.
Der Erfolg der Tuberkulosebekämpfung in Deutschland kann sich sehen lassen (von 1893 noch 26,1 Sterbefälle auf 1923 10,7 Sterbefälle je 10.000 Einwohner). Im Mai 1933 wird der Vorstand der Heilstätten Hohenlychen entlassen. Im November wird Prof. Gebhard (Sauerbruchschüler und Chirurg) Chefarzt. Die 1. bayrische Zeit beginnt in Lychen.
Unter seiner Leitung wird Hohenlychen noch 1933 umprofiliert. Die Tbc-Behandlung ist nur noch eine Abteilung am Rande. Jetzt wird die Sport- und Arbeitsschädenchirurgie zum zentralen Schwerpunkt („Reichssportsanatorium"). Es gibt große Erfolge und internationale Beachtung für diese Weltneuheit. Die Meniskusoperation wird entwickelt und wie am Fließband durchgeführt (1933 bis 1941 25.000 mal).
Beteiligung an Menschenversuchen in KZ:
Ab 1942 (Attentat auf Heidrich in Prag) erfolgen Sulfonamidversuche und Trans-plantationen von Knochen und Muskeln in Ravensbrück. 1947 wird Gebhard dafür gehängt. Dr. Fischer erhält lebenslänglich, wird 1954 entlassen und nimmt freiwillig eine andere Arbeit auf. Dr. Hertha Oberhäuser erhält 20 Jahre und 1954 als Spätheimkehrerin 10.000 DM Entschädigung. Sie praktizierte, bis der Protest zu stark wurde. Dr. Stumpf-egger (letzter Leibarzt von Hitler) war 1945 noch in Berlin umgekommen. Dr. Heißmeyer führt Tbc-Versuche an Kindern und Häftlingen in Neuengamme durch (1966 zu lebenslang in Magdeburg verurteilt, ein Jahr später an Herzinfarkt gestorben). Prof. Gebhard fährt noch am 24.4.45 (Selbstmord Dr. Gerwitz) nach Berlin und kommt am 25.4.45 aus dem eingeschlossenen Berlin als neuer Chef des DRK zurück.
In Hohenlychen führte auch Graf Bernadotte (Schwedisches Rote Kreuz) im Februar/April 1945 mit Himmler Verhandlungen. Er erwirkt, dass im April noch 15.000 Frauen aus KZ nach Schweden gebracht werden konnten.
Hohenlychen war im Krieg Lazarett. Der letzte Zug mit Kranken wurde am 27.4.45 nach Schleswig evakuiert. Am 29.4.45 waren die Russen da. Sie blieben im Lazarett bis August 1993 (Lazarett der Gardepanzerdivision).
1945 Kämpfe um Lychen:
Von Stegelitz (Autobahn) drang die 199. Schützendivision (49. Armee der 2. Belorussischen Front) in Richtung Templin - Lychen - Wesenberg vor.
Am 27.4.45 waren Groß Fredenwalde, Milmersdorf, Fährkrug und Knehden genommen. Schwere Gefechte fanden am 29.4.45 bei Alt Placht statt. Da sich eine Umgehung andeutete, zogen sich die Deutschen bis Densow zurück. Abends war Lychen eingenommen. Das 492. Regiment war bis Himmelpfort vorgedrungen (Widerstand) und hatte Bredereiche noch eingenommen. Am 30.4.45 wurden Himmelpfort, Alt Thymen, Steinhavelmühle und Fürstenberg eingenommen. Bei den Kämpfen zwischen dem 21.4. und 30.4.45 hatte das russische Regiment 243 Tote und 794 Verwundete. Die deutschen Gefallenen wurden nicht ausgewiesen. In Lychen gab es in den ersten Tagen nach der Besetzung viele zivile Opfer (der Lychener Pfarrer sprach von 288 Suiziden - genaue Zahlen der Opfer sind nicht mehr feststellbar).
Am 3.5.45 trafen sich bei Grabow Russen und Amerikaner.
