Kleiner historischer Stadtführer - 10. Station

Vogelgesangstraße:
- südlicher halbkreisförmiger Abschluss der Altstadt mit Wiekhäusern
- älteste erhaltene Straßenführung in Lychen
- besonderes Haus - „Berliner Haus". Das hohe Haus stand ursprünglich in Berlin. Es wurde dort im Zuge des S - Bahnbaues vom Besitzer abgetragen, auf dem Wasserweg nach Lychen gebracht und wieder aufgebaut.
St. Johannes Stadtkirche
Die deutsche Besiedlung der Uckermark erfolgte nur in 50 bis 60 Jahren. Durch kriegerische Auseinandersetzungen wurden in den Dörfern oft Wehrkirchen als Fliehburgen gebaut. Die Siedler aus dem Niederrheinischem, Niederland, Elsaß sowie Hessen brachten ihre Einflüsse beim Kirchenbau mit. Ein weiterer Einfluss wurde durch die jeweils im Gebiet wirksam werdenden Mönchsorden eingebracht (Norden/Osten der Prämonstraten - Orden, Askanier bevorzugten den Hausorden der Zisterzienser).
Als Besonderheit der Bauausführung der Kirchen der Uckermark gelten die Feldsteinkirchen (95% der Kirchen). In der ersten Hälfte 13. Jahrhundert wurde besonders exakt gebaut. Der Landesherr als Patron der Kirchen rief dazu Steinmetze ins Land (niedersächsisch - braunschweigischer Raum, die von Como in Italien beeinflusst waren).
Granit war aber ein besonderes Material:
- Die Steine mussten nach Größe vorsortiert werden.
- Die natürlichen Fugen erweitert und dann gespalten werden. Nur so waren glatte Flächen zu erhalten.
- Bei Hitze spaltet sich Granit wie Blätterteig, deshalb wurden auch einige Reparaturstellen nach Stadtbränden notwendig.
Gebaut wurde zweischalig bis zu 2,5 m Wandstärke (Südwestecke =2 m). Der Mörtel wurde aus heimischem, abgelöschtem Weißkalk nach einem heute nicht mehr bekanntem Verfahren hergestellt (Festigkeit ist an Dorfkirchenruine Retzow zu erkennen = 590 Jahre ohne Dach).
In der 2. Hälfte 13. Jahrhundert (ab 1250) wurde die Stadtkirche (wie 15 der 40 Dorfkirchen im Altkreis Templin) bis zum gotischen Triumpfbogen gebaut. Der Chor wurde nach 1350 angebaut.

- St. Johannes vor dem Krieg vom Kienofen aus gesehen (über Stadtsee).
Typische Form:
in der Uckermark ist ein saalartiges, rechteckiges Schiff mit querrecht-eckigem Westturm und Satteldach. Ost - West - Richtung (Altar im Osten = Licht als Lebensspender; Turm im Westen zur Abwehr der Mächte der Finsternis (ungetaufte Kinder wurden früher von Westen in die Kirche zur Taufe getragen). Einzige Ausnahme in der Uckermark ist die Kirche in Grünow bei Angermünde (Turm im Osten). Grund: Siedler kamen aus Franken. Man spricht deshalb vom „verkehrten Grünow".
Baustil:
Im 13. Jahrhundert erfolgte der Übergang zur Gotik mit ausgeprägten Einwirkungen der spätstaufischen Kunst. Die archaische Bauweise der Lychener Stadtkirche ist ein seltenes noch gut erhaltenes Beispiel für den Kirchbau der Zeit der Ostkolonisation.
Standort:
ist die höchste Stelle innerhalb der Stadt (70m ü.d.M.) und war bis 1763 (letzte Bestattungen) vom Kirchhof umgeben.
Baudetails:
- spitzbogig, abgetrennte Portale (Nordportal mit Kämpferstein, sonst nur in Ringenwalde noch in der Uckermark), sorgfältig behauene Portalsteine (auch Kehlungen). Das Südportal des Schiffes (Priesterpforte) wurde 1756 zugemauert.
- Sockel- und Gesimssteine mit gekehlten Steinen am Langschiff . Der Chor ist nicht mehr so sorgfältig gebaut, da Steinmetze bereits Ende 13. Jahrhundert die Uckermark verlassen hatten. Die einheimischen Bauleute hatten die Fertigkeiten nicht. Auch spätere Reparaturen mit Backstein zeigen dies. Backsteine waren ab 1300 durch niederländische Siedler oder Zisterzienser verfügbar.
- Der Turm ist typisch in recht-eckiger, ostfälischer Grundform in Breite des Langschiffes gebaut. Die spätere, quadratische Turmfläche aus Westfalen hatte in der Uckermark keinen Einfluss mehr. Die repräsentativen Ziegelgliederungen (etwas Besonderes in der Uckermark) im oberen Teil stammen wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert.
- Kapellen gab es an Süd- und Nordseite des Chores (Nordkapelle 1828 abgerissen).
- Das Rundfenster (Gottesauge) über der Priesterpforte ist bei Feldsteinkirchen nicht üblich (höchstens im Altargiebel). Die Fenster haben auch Granitlaibungen. An der Schmuckseite des eingezogenen Chores (Osten) sind neben der typischen 3er Fenstergruppe noch ovale Blenden im Giebel, die eindeutig spätbarocke Motive sind.
1302 erhält der Johanniterorden das Patronatsrecht für die Lychener Kirche und ändert den Namen der Kirche (früher Kirche der Jungfrau Maria) nach Johannes dem Täufer („Kehret um, ändert euer Leben, bevor es zu spät ist!").
Inneneinrichtung:
- 1684 ist die Kirche innen ausgebrannt (Brandstifter in 4 märkischen Städten). Der Chor hatte damals noch ein Tonnengewölbe. Die Langschiffe hatten in der Uckermark schon immer eine Flachdecke. Das übrige Mauerwerk ist original erhalten geblieben.
- 1960 wird die Kirche innen neu mit einem hellen Farbanstrich gestaltet und der Zeitgeschmack um 1906 (aufgemalte Tempelvorhänge und Quader) beseitigt.
- Das Taufbecken wurde 1964 ebenfalls durch einen schlichten Kalkstein ersetzt. Das frühere Taufbecken aus dem 19. Jahrhundert (4 Engel tragen auf den Flügeln die Schale) war beschädigt. Die älteste Fünte für die Ganzkörpertaufe gibt es nicht mehr. Ganzkörpertaufen waren bereits im 16. Jahrhundert nicht mehr üblich. Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ist eine flache Messingschale mit Hirschmotiv vorhanden.
- Altar, Kanzel und Empore stammen aus der Zeit um 1698. Sie wurden 1960 in barocken Farben (blau, weiß und gold) renoviert.
- Im Chor richteten sich Magistrat und Handwerksinnungen ihre „Kirchenstände" ein.
- Einzelbestattungen gab es früher auch im Chorraum. Unter dem Chorraum ist eine Gruft, in der bis 1800 die Pfarrer beigesetzt wurden. Um 1900 wurde der Eingang zur Gruft zugemauert.
- Die Buntglasfenster der Ostseite des Chores sind aus dem 19. Jahrhundert. In der Sakristei ist noch ein wertvolles, farbiges Wappenfenster aus der Zeit 1693-96 mit Abbildungen von damaligen Spendern beim Wiederaufbau (z.B.: Pfarrer als Pelikan, der sich die Brust aufreißt.).
- Bis 1960 hingen im Kirchenschiff 4 handgefertigte Messingkronleuchter, die von Schuhmacher, Schneider, Bäcker und Schlosser nach 1629 gestiftet wurden (1974 wurde der Schuhmacherkronleuchter entwendet - Rest unter Verschluss).
- Der Teppich wurde in einer Berliner Firma hergestellt und von einer Frau 1903 gespendet.
Darstellungen auf dem Teppich:
- Kopfbänder: „Lychen 1903 St. Johannes Kirche"
- Zentrum: Eine ausstrahlende Sonne und übereinander die griechischen Buchstaben „X"(Chi) und „P"(Rho) als Anfangsbuchstaben für Christus sowie seitlich dazu „A" und „O" (Alpha und Omega) als erster und letzter Buchstabe des Alphabetes.
- Um diese Symbolik sind die 4 Elemente des Lebens:
terra (Erde) als Baum und Strauch,
aqua (Wasser) als Arche Noahs,
aer (Luft) als Taube, die einen Ölzweig zur Arche bringt, und
ignis (Feuer) als Brandopferaltar. - In den Ecken: Die 4 Evangelisten jeweils als Tiersymbol mit Heiligenschein, Krone und aufgeschlagene Bibel:
1. Matthäus als Engel,
2. Markus als Löwe,
3. Lukas als Stier und
4. Johannes als Adler.
Gedenkstelle:
- 1978 in der ehemaligen Priesterpforte angelegt (war 1756 zugemauert worden).
Gestühl:
- 19. Jahrhundert. Bis nach 1945 gab es noch einzelne Namensschilder für Platzinhaber.
Epitaphien:
- keine
Heizung:
- Nach 1945 wurde die Niederdruck-Dampfheizung durch elektrische Strahler ersetzt.
Orgel:
- Ursprüngliche Orgel von 1768 wurde für 400 Taler von Scholz aus Ruppin gebaut.
- Die Sauerorgel von 1852 wurde 1873 nach Gerswalde verkauft. Sie ist heute die einzige Sauerorgel in der Uckermark. Diese Orgel mit 13 Registern und 600 Pfeifen ist Ausgangspunkt für eine ganze Sauer - Linie. Sauer war Schmied und Autodidakt im Orgelbau. Ende des 19. Jahrhunderts wurde er zum meist gefragten Orgelbauer in Deutschland (bis 2004 hat die Firma 2272 Orgeln in der ganzen Welt gebaut).
Die Gerswalder Orgel wurde für 100.000 Euro bis 2003 wiederhergestellt. - Die jetzige Orgel von Meister Grüneberg aus Stettin wurde 1907 gebaut. Pneumatisches Werk (Taste mit Pfeife über Druckluftleitung verbunden) mit 24 Registern (=Pfeifenreihen - jedes Register hat andere Klangfarbe und Tonhöhe) und 1564 Pfeifen. Durch die Firma Fahlberg aus Eberswalde wurde die Orgel 1988 restauriert (2008 letzte Erneuerung) und ist noch bespielbar. Meister Barnim Grüneberg war um 1900 ein bedeutender Orgelbauer Norddeutschlands.
Ein weiteres Exemplar seines spätromantischen Orgelbaus ist die Orgel von 1912 in der Martinskirche in Angermünde (8 Register).

- Innenansicht zwischen 1906-1960
Die Winterkirche im Turm wurde 1960 ausgebaut. Hier wurde ein einfacher Altartisch, Lesepult, Harmonium und Speicherofen eingebaut. Die Stühle können bei Hochzeiten weggeräumt werden, um den Durchgang zum Hochzeitsportal zu ermöglichen.
Die Glocken wurden um 1743 gegossen und 1915 auf die Franzosen verschossen.
1929 kamen 3 Stahlgussglocken.
Alle uckermärkischen Kirchen hatten von Beginn an ihre Glocken. Prenzlau hatte zu dieser Zeit allein 27 Glockengießer. Die früheren Glocken hatten die Form von Zuckerhüten. Der Durchmesser war bei den kleinen 50-60 cm und bei den großen Glocken über einen Meter.
Das Hospital St. Spiritus wurde aus Sparsamkeitsgründen als Altenherberge für Stadtarme nach der Reformation von der Zickenstraße in die Nähe der Kirche verlegt (Eckhaus an der Hospitalstraße). Das Hospital war finanziell relativ gut abgesichert, weil es seit 1320 Einkünfte vom „Hospitaldorf" Retzow hatte.
Ab 2009 wohnen im sanierten Hospital („Haus Kirchblick") bis 8 Personen in barrierefreien Wohnräumen mit Betreuung.
Gegenüber vom Ostgiebel der Kirche befindet sich neben dem Hospital die alte Stadtschule von 1827. Sie wurde bis 1958 als Schule genutzt. Das erste schriftliche Dokument über die Existenz einer Lychener Schule ist mit 1543 datiert.

- Innenansicht ab 1960
